Du hast dir viel Mühe mit einem neuen Inhalt gegeben, eine spannende Diskussion angestoßen oder eine wichtige Frage gestellt. Doch auch nach Stunden oder Tagen gibt es kaum Reaktion, vielleicht ein Like oder zwei. Aber keine Kommentare. Es fühlt sich an, als ob du mit dir selbst reden würdest.
Das ist einer der frustrierendsten Momente als Community-Besitzer:in. Der erste Gedanke ist fast immer, ob es niemanden interessiert oder deine Community vielleicht tot ist.
Bevor du jetzt sofort deine gesamte Strategie über den Haufen wirfst oder anfängst an deinem Angebot zu zweifeln: Was du erlebst, ist der Normalzustand in fast jeder Online-Gruppe. Die stillen Mitglieder werden im Netzjargon auch „Lurker“ genannt (von lauern, schleichen). Sie sind stille Mitleser, die sich zwar nicht aktiv beteiligen, aber nicht weniger wichtig als deine aktiven Mitglieder.
Der Mythos der lauten Community
Wir sind es aus Social Media gewohnt, dass Erfolg in Likes, Shares und Kommentaren gemessen wird. Wir sehen Facebook-Gruppen mit hunderten neuen Beiträgen pro Tag und glauben, das sei der Maßstab aller Mitgliederbereiche.
Doch eine Online-Community funktioniert anders. Anders als bei Social Media ist sie nicht öffentlich oder ein Marktplatz, wo man aktiv (oder ein Bot) sein muss, um gesehen zu werden. Sie ist ein geschützter Raum.
Es gibt eine statistische Faustregel, die sich in fast allen Online-Communities zeigt, unabhängig von Zielgruppe und Thema. Es handelt sich um die 90-9-1 Regel, oder auch 10%-Regel.
- 1 % sind die Power-User. Sie starten Diskussionen, posten eigene Inhalte, nehmen an Diskussionen Teil und sind extrem sichtbar
- 9 % sind ebenfalls sehr aktiv. Nicht so sehr wie die Power-User, aber sie schrieben ebenfalls Kommentare und liken Beiträge, starten jedoch kaum eigene Diskussionen.
- 90 % sind die Lurker, die stillen Beobachter. Sie lesen mit, schauen sich die Inhalte an und haben nicht selten deine Community in einem Tab geöffnet. Aber sehen / lesen tut man von ihnen nichts oder nur sehr selten.
Das bedeutet, dass nur, weil 90 % deiner Community nicht aktiv am Austausch teilnehmen, sie nicht tot ist. Es mag einen sehr verunsichern, besonders wenn die Community noch klein ist und die aktiven 10 % nur eine Handvoll Mitglieder ausmachen. Aber statistisch gesehen ist das völlig normal.
Was sind Lurker in einer Community
Der Begriff „Lurker“ hat einen negativen Beigeschmack, immerhin kommt er von „to lurk“, was so viel bedeutet wie anschleichen, lauern, pirschen. Dabei sind es oft genau diese Mitglieder, die dein Angebot am intensivsten nutzen. Nur oben aus den Schatten heraus.
Immerhin gibt es viele Situationen, warum deine Mitglieder nicht aktiv teilnehmen könnten:
- Vielleicht konsumieren sie deine Inhalte unterwegs im Zug
- Vielleicht sind sie introvertiert oder fühlen sich unwohl dabei, ihre eigene Meinung zu teilen
- Vielleicht suchen sie einfach nur eine Lösung für ihr Problem und sind damit zufrieden, diese in deinen Inhalten zu finden
Nicht für jeden ist Mehrwert gleichbedeutend mit Interaktion. Viele sind damit zufrieden eine Antwort bekommen oder etwas Neues gelernt zu haben. Dass sie danach nicht kommentieren ist kein Zeichen von Desinteresse, sondern davon, dass sie gefunden haben, wonach sie suchten.
Der Realitäts-Check
Das Problem ist, dass es sich für Betreiber:innen von Mitgliederbereichen unsicher anfühlt, wenn es in unseren Communities stumm ist und das Feedback fehlt. Hier hilft es, sich auf die Technik zu verlassen.
Achte auf die Kennzahlen (KPI) anstatt nur auf Kommentare. Zum Beispiel:
- Login-Aktivität: Kommen die Mitglieder regelmäßig wieder?
- Konsum: Werden die Videos abgespielt, PDFs heruntergeladen?
- Öffnungsraten: Lesen sie deine E-Mails, auch, wenn sie nicht antworten?
Oft zeigen die Zahlen ein ganz anderes Bild als eine tote Community. Deine Mitglieder sind aktiv und nutzen dein Angebot, nur eben auf ihre Weise.
Strategische Konsequenz
Wenn du akzeptierst, dass der Großteil deiner Mitglieder eher konsumiert als produziert, nimmst du dir enormen Druck weg. Passe stattdessen deine Erwartungen und deine Strategie an:
- Vereinfache die Interaktion: Nicht jedes Mitglied schreibt gerne. Biete stattdessen die Möglichkeit für „Micro-Interactions“ an. Eine Umfrage mit einem Klick oder eine Reaktion mit Emoji bieten eine schnelle Möglichkeit und senken die Hürde.
- Nimm den Druck raus: Es ist vollkommen in Ordnung, wenn in deinem Mitgliederbereich mal Ruhe herrscht. Es geht nicht um Entertainment, sondern um Ergebnisse und Transformation. Wenn deine Mitglieder ihre Fragen beantwortet bekommen, ohne laut und omnipräsent sein zu müssen, hast du genau das erreicht.
- Fokussiere dich auf Retention: Dein Ziel ist ein nachhaltiges Business, kein lauter Jahrmarkt. Konzentriere dich lieber darauf, dass deine Mitglieder sich wohlfühlen und in deiner Community bleiben (Retention).
Fazit
Vertraue auf den Mehrwert, den du lieferst und lass dich nicht verunsichern. Ein Mitgliederbereich muss nicht laut sein, um erfolgreich zu sein. Ziel ist es, dass deine Mitglieder ihn für wertvoll ansehen und gerne dabei bleiben. Die Lurker gehören genau so dazu, wie deine aktiven Mitglieder. Und oft sind es genau die, die am längsten bleiben.
Wenn du wissen möchtest, wie es wirklich um deine Community bestellt ist, solltest du deine Kennzahlen (KPI) kennen und regelmäßig auswerten.
